Interviews sind wertvolle Quellen um die Gedanken von Menschen zu erfahren, bevor sie in Pressemitteilungen gequetscht oder in Tickermeldungen zerpflügt wurden. Deswegen hier der Hinweis auf drei interessante und aktuelle Interviews mit wichtigen Akteuren in der deutschen Drogenpolitik.

Im Interview „Auch Drogenabhängige müssen in Würde leben könnten“ wurde Jürgen Heimchen, Vorsitzender des Bundesverbandes der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit, anlässlich des Gedenktages für verstorbene Drogenabhängige befragt. Auch wenn das Interview primär von der Arbeit und den Ziele vor Ort in Wuppertal handelt sind doch viele Aussagen z.B. über den Sinn der Heroinabgabe allgemeingültig. Bemerkenswert an den akzeptierenden Eltern ist ihr klarer Einsatz für eine Legalisierung aller Drogen – das macht sie zu wertvollen Mitstreiter für eine wirklich progressive Drogenpolitik. Heimchen sagt dazu im Interview: „Nur so ist eine bessere Kontrolle möglich. Schließlich wird auch die Ausgabe der Drogen Nikotin und Alkohol oder von Tabletten vom Staat kontrolliert. Das würde auch bei den anderen Drogen funktionieren. Drogen werden so oder so konsumiert, nur dass momentan die Mafia Qualität und Preise diktiert. Natürlich sollten Drogen allein in entsprechenden Facheinrichtungen und ab einem bestimmten Alter ausgegeben werden. Nur so können die Menschen lernen, mit Heroin oder Haschisch richtig umzugehen. Diese Entwicklung war bei Alkohol und Zigaretten nicht anders.“

Das zweite Interview führte das mir bis dato unbekannte Portal Medizin-Welt mit Gabriele Bartsch. Sie leitet bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) das Referat „Grundsatzfragen“ und ist stellvertretende Geschäftsführerin. Die DHS ist der Dachverband der in der „Suchtkrankenhilfe bundesweit tätigen Verbänden und gemeinnützigen Vereinen“. Drogenpolitisch ist die DHS sachlich kompetent und vorsichtig progressiv, ihr Webauftritt klingt mitunter noch etwas altbacken. Problematisch an der DHS ist meiner Ansicht nach ihr historischer Ursprung, mehr dazu in Tilmann Holzer: Die Geburt der Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhygiene.

In ihrem Interview kritisiert Bartsch die Drogenverbote und erwähnt dass sie in „Anbauländern wie Kolumbien, Mexiko oder Afghanistan, aber auch in Deutschland, die organisierte Kriminalität befördern.“ Sie fordert statt dessen ein Primat der verhältnispräventiven und verhaltenspräventiven Maßnahmen. Trotzdem stellt sie meiner Ansicht nach Drogen als etwas prinzipiell schlechtes dar – auch wenn sie Repression als Mittel und Abstinenz als Ziel für falsch bzw. unrealistisch hält. Man möge es ihr nachsehen hat sie doch primär mit den negativen Folgen unseres fahrlässigen Umgangs mit Alkohol zu tun. Auf dem Drugchecking Symposiums fiel mir Bartsch als Progressive auf.

Zu guter Letzt wurde Tim Pfeiffer-Gerschel, Geschäftsführer der Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht im Juli von der FR interviewt. Im Gegensatz zur Überschrift „Party bis zum Umfallen“, dem Teaser sowie einige Fragen der FR sind die Antworten angenehm nüchtern und seriös. Pfeiffer-Gerschel redet nach meinem Empfinden weniger negativ über Drogen im Allgemeinen, ohne die Gesundheitsgefahren der neuen und unerforschten Drogen zu verharmlosen. Wie er allgemein drogenpolitisch einzuschätzen ist, weiß ich allerdings nicht.

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