Beim Thema Alkoholmißbrauch wird sich in den Medien und der öffentlichen Diskussion gerne und fast ausschließlich auf die Gruppe Kinder und Jugendliche konzentriert. Anstatt einer nüchternen Betrachtung der Datenlagen wird dieser schnelle und verlockende Weg eingeschlagen, da hier mit keiner Gegenwehr zu rechnen ist sowie einfach und bequem Klischees bedient werden können. Das eigentlich Ausmaß der wachsenden Alkoholprobleme in allen Altersgruppen fällt dabei komplett unter den Tisch.

So titelte der Spiegel am 28.01.2010: „Alarmierende Studie – Zahl der ‚Komasäufer‘ steigt. Es gibt immer mehr junge ‚Komasäufer‘ in Deutschland: Im Vergleich zum Jahr 2000 hat sich die Zahl der wegen Alkoholvergiftungen behandelten Jugendlichen nahezu verdreifacht.“. Grundlage für diesen und ähnliche Artikel in anderen Medien war die Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes „Diagnose Alkoholmissbrauch: 2,8% mehr junge Krankenhauspatienten im Jahr 2009.„, die ohne weiteres Nachdenken ziemlich direkt übernommen wurde.
Die einzige Altersgruppe, die konkret an- und besprochen wird ist die zwischen 10 und 20 Jahren. Einzig das Durchschnittsalter der im Krankenhaus Behandelten von 54 Jahren deutet an, dass das Gesamtproblem weit über die Jugendlichen hinausgeht. Der Satz „An zweiter Stelle [aller vollstationären Krankenhausbehandlungen] lagen psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol (339 200 Fälle), worunter auch der akute Alkoholmissbrauch fällt.“ zeigt das Gesamtausmaß der aktuellen Probleme mit Alkohol – die Dynamik dieser Zahl in den letzten Jahren wird im Gegensatz zu den Angaben bzgl. der Jugendlichen nicht erwähnt.

Wer sich für das Gesamtbild interessiert, muss von der Pressemitteilung aus nur einen Klick weiter. Hier gibt es feinsäuberlich nach Altersgruppen sortiert die Fallzahlen der letzten 10 Jahre. Hier die prozentualen und absoluten Veränderungen nach Altersklasse zwischen 2009 und 2008 bwz. 2009 und 2000:

Änderung 2008->2009 Änderung 2000->2009
unter 1 Jahr +20,0% +1 -60,0% -9
1 – 5 Jahre +0,0% +0 -69,0% -20
5 – 10 Jahre 28,6% +2 -50,0% -9
10 – 15 Jahre -4,0% -182 +97,4% +2136
15 – 20 Jahre +4,3% +901 +201,9% +14778
10 – 20 Jahre +2,8% +719 +177,8% +16914
20 – 25 Jahre +8,7% +904 +194,4% +7434
25 – 30 Jahre +8,1% +537 +132,3% +4077
30 – 35 Jahre +7,1% +419 +25,0% +1266
35 – 40 Jahre -2,7% -213 +7,3% +525
40 – 45 Jahre +0,8% +90 +60,0% +4441
45 – 50 Jahre +5,0% +628 +133,4% +7570
50 – 55 Jahre +7,7% +790 +184,5% +7178
55 – 60 Jahre +10,1% +688 +143,1% +4418
60 – 65 Jahre +2,0% +77 +52,5% +1370
65 – 70 Jahre +5,5% +195 +180,7% +2400
70 – 75 Jahre +10,5% +234 +239,7% +1740
75 – 80 Jahre +10,7% +105 +191,6% +711
80 – 85 Jahre +18,8% +81 +291,6% +382
85 – 90 Jahre -2,7% -5 +103,3% +93
älter als 90 Jahre -34,1% -14 -3,6% -1
Insgesamt +4,8% +5238 +111,9% +60480

Ergebnis: Es säuft nicht nur die Jugend mehr, die prozentuale Steigerung bei den Jugendlichen im Langzeitvergleich ist überdurchschnittlich, aber nicht führend. Bei den Altergruppen 50 – 55 Jahre und 65 – 85 gab es fast eine Verdreifachung der Fallzahlen. Die Zahl der Krankenhauseinlieferungen wegen Alkohol insgesamt hat sich in den letzten Jahren mehr als verdoppelt, stabil blieb eigentlich nur die Gruppe 30 – 40 Jahre. Alleine die letzte Steigerung von 5238 Fällen übertrifft die Fallzahl der gesamten Altergruppe 10 bis 15 Jahren. Absolut betrachet war bei die letzte Steigerung in der Gruppe der 20 – 25 Jährigen am größten, gefolgt von 15 – 20 Jahren und dann kommen bereits die 50 – 55 Jährigen.

Spannend sind nun auch noch einmal die ersten beiden Sätze der Pressemitteilung, welche die Überschrift noch einmal genauer wiedergeben: „Im Jahr 2009 wurden rund 26 400 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 20 Jahren aufgrund akuten Alkoholmissbrauchs stationär im Krankenhaus behandelt. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, ist das ein Anstieg von 2,8% gegenüber 2008.“
Richtig daran ist: In der Altergruppe 10 – 20 Jahre stiegen die Fälle von 25709 aus 26428 und damit um 2,8% an. Betrachtet man allerdings – so wie alle anderen Altersgruppen auch (von „unter 1 Jahr“ und „älter als 90 Jahre“ mal abgesehen) – die Altersgruppe 10 – 15 Jahre und 15 – 20 Jahre getrennt, zeigt sich bei der jüngeren Gruppe eine Minderung der Fälle um satte 4% von 4512 auf 4330, der Anstieg bei den Älteren fällt mit 4,3% entsprechend später aus. Im Langzeitvergleich liegen die 10 – 15 Jährigen sogar unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Fazit: Ja, die Entwicklungen bei den Jugendlichen sind erschreckend, aber auch nicht erschreckender als in anderen Altersgruppen. In so fern sollten die Medien und die Politik aufhören über die Jugend zu lästern, sondern sich endlich des Gesamtphänomens bewusst werden.

PS: Was hier nicht diskutiert wurde, ist die Frage in wie weit die Zahl der Krankenhauseinlieferungen ein gutes Maß für die Alkoholprobleme ist. Beispielsweise kann eine gestiegene Bereitschaft im Zweifelsfall einen Krankenwagen zu rufen zu hören Zahlen führen, ohne das die Probleme gewachsenen wären.

4 Gedanken zu „Alkohol: Die Jugend als Sündenbock

  1. Gut, dass Sie auf dieses Grundübel hinweisen. So ziemlich überall wird nur etwas gegen den Jugendalkoholismus getan und nicht akzeptiert, dass das Alkoholproblem ein gesellschaftliches Problem ist und die Erwachsenenwelt das Vorbild für die Jugend abgibt. Der Grund liegt in der Verbreitung des Alkoholkonsums, d.h. die Gesellschaft ist derart alkoholisiert, dass es die Regierungen nicht wagen, dagegen anzukämpfen. Einerseits fürchten sie, Wählerstimmen zu verlieren, andererseits stehen sie unter dem Druck der Alkohollobby und der Medien.
    Wenn sie das Stimmvolk richtig informieren würden, müssten sie eigentlich dessen Unterstützung erhalten, denn ein Rückgang des Konsums würde auch verminderte alkoholbedingte Sozialkosten bedeuten. Der nichteingeweihte Normalbürger ist sich nicht bewusst, dass er ein Leben lang ungefragt immense Summen an diese Sozialkosten zahlen muss. Selbst Alkoholsteuern würden die Mehrheit der Konsumenten, die ja angeblich mässig konsumiert, noch zu Gewinnern machen. Ganz abgesehen von der erhöhten Lebensqualität und der verminderten Zahl an Toten und Verletzten, Kranken, an Gewaltopfern, Opfern sexueller Gewalt und nicht zuletzt an Kindern, die in alkoholbelasteten Familien aufwachsen müssen.

  2. Richtig ist das die einstiegsdroge alkohol ist. ich hätte nie einen joint geraucht wenn ich nichts getrunken hätte. aber der alk machte es möglich. dann konsumierte ich 10 jahre lang alk und thc wobei mich der alk fast umbrachte. seit ich nur noch thc konsumiere geht es mir hervorragend. körperlich, geistig und menschlich. das schlimmste am alkohol ist das elend das er auslöst und das keiner sieht. modedroge alkohol, traurig aber wahr!

  3. Je nach Bedürfnis wird mit den Zahlen jongliert. Laut den Ergebnissen einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), ist der regelmäßige Alkoholkonsum von Jugendlichen in Deutschland weiter rückläufig und hat im Jahr 2010 den niedrigsten Stand seit den 70er Jahren erreicht. Noch immer verbreitet ist das so genannte Binge Trinken (Rauschtrinken). Es ist also eine interessante Frage, wer ein Interesse daran hat, die Jugendlichen als Sündenböcke zu mißbrauchen?
    Besonders absurd ist der Versuch des Posters „Kontrabass“, den gewünschten staatlichen Eingriff in den Markt (Steuererhöhungen) durch die Verminderung alkoholbedingter Sozialkosten zu begründen. Dann müssten ja folgerichtig die Steuern zum Beispiel auf Heimwerkergeräte wie Kreissägen erhöht werden, bloß weil einige Bastler nicht verantwortungsvoll damit umgehen können. Steuererhöhungen treffen eben nicht nur die Alkoholgefährdeten, sonder auch die große Mehrheit derjenigen, die mit Alkohol verantwortungsvoll umgehen können.

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