Ich werte derzeit für den Deutschen Hanfverband die Große Anfrage „Cannabispolitik in Niedersachsen“ der Fraktion DIE LINKE aus.

Hauptdatenquelle für Angaben zum niedersächischen Drogenkonsum in der Antwort der Landesregierung das Epidemiologische Suchtsurvey (ESA) und die Drogenaffinitätsstudie (DAS) – beides bundesweit durchgeführte Studien. Zahlen für speziell für Niedersachsen fanden keine, sondern: „Entsprechend dem Bevölkerungsanteil wurden die Zahlen auf Niedersachsen heruntergebrochen.“ – wie beispielsweise in „Tabelle 1: Illegale Drogen in Deutschland im Vergleich zu Niedersachsen“ dargestellt.

Infolge dessen konnte beispielsweise die Frage I.5. „Wie verhalten sich die zu I.1 und I.2 genannten oder geschätzten statistischen Angaben für Niedersachsen zum Bundesdurchschnitt? Ist der Cannabiskonsum in Niedersachsen über- oder unterdurchschnittlich?“ nicht beantwortet werden bzw. nur mit der geistreichen Aussage: „Die vorhandenen Angaben der Bundesebene waren und sind die Grundlage, um Schätzungen für Niedersachsen im Verhältnis zum Anteil der niedersächsischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung vorzunehmen. Ein Vergleich zwischen dem Bundesdurchschnitt und Niedersachsen bezogen auf das Konsumverhalten ist somit methodisch unzulässig. Ein Vergleich zwischen dem Bundesdurchschnitt und Niedersachsen bezogen auf das Konsumverhalten ist somit methodisch unzulässig.“

Es stellt sich nun die Frage: Ist Niedersachsen repräsentativ für den Drogenkonsum in Deutschland? Ich will im Fortfolgenden aufzeigen dass diese Annahme, derer sich die niedersächsische Landesregierung bedient fragwürdig ist.

Untersuchung „Drogenkonsum im Freistaat Sachsen“

In „Drogenkonsum im Freistaat Sachsen – Untersuchung ausgewählter Konsumentengruppen und Hilfeeinrichtungen„, in Auftrag gegeben durch das Sächsische Staatsministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend und Familie) stellen die Autoren zunächst fest:

„Bis auf wenige Ausnahmen liegen keine sachsenspezifischen Angaben vor. […] Generell muss dabei beachtet werden, dass die Verbreitung des Konsums psychoaktiver Substanzen von regionalen Rahmenbedingungen und Besonderheiten beeinflusst wird. Unterschiede zwischen Stadt und Land spielen dabei ebenso eine Rolle wie historisch-kulturell bedingte regionale Konsumgewohnheiten.“

Bei einigen Untersuchungen wird zumindest zwischen Ost- und Westdeutschland unterschieden. Die Autoren stellen fest:
„Ein Vergleich des Konsums illegaler Drogen zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt dann auch, dass sich die Lebenszeitprävalenzen deutlich unterscheiden. In Westdeutschland liegt diese bei 21,8 %. Der Unterschied ist dabei im wesentlichen verursacht durch die deutlich höheren Prävalenzen des Drogenkonsums in der älteren Bevölkerung Westdeutschlands (z.B. 17,5 % unter den 40- bis 49-Jährigen). Demgegenüber bestehen bei jüngeren Personen kaum Unterschiede. So haben in Westdeutschland lediglich 3,5 % mehr Personen (38,0 %) unter den 18- bis 20-jährigen Konsumerfahrungen aufzuweisen als in Ostdeutschland.“

Ebenfalls zeigen sich Unterschiede beim Einstiegsalter bei den Drogen Heroin, Kokain oder MDMA:
„Wie Tab. 5 zeigt, sind unter den Klienten der ostdeutschen und sächsischen Sucht- und Drogenberatungsstellen deutlich mehr Personen, die bei Erstkonsum von Kokain und Heroin noch Kinder bzw. Jugendliche waren, als dies bei der Klientel der Sucht- und Drogenberatungsstellen in Westdeutschland der Fall ist. Demgegenüber besteht beim Erstkonsumalter bei Cannabinoiden kaum ein Unterschied zwischen den beiden Landesteilen. Diese Befunde können zusammen mit den Ergebnissen der Potsdamer Repräsentativerhebung dahingehend interpretiert werden, dass drogenkonsumierende Kinder und Jugendliche in den neuen Bundesländern tendenziell früher mit dem Konsum von Heroin, Kokain oder MDMA beginnen als die vergleichbare Personengruppe in Westdeutschland.“
sowie beim Alter der Klienten in Beratungsstellen mit der Hauptdiagnose Opioide, in Sachsen waren 63,8% der Klienten unter 25 Jahre alt, in Westdeutlich nur 33%.

Repräsentativerhebung in der hessischen Bevölkerung

Diese repräsentative Umfrage wurde vom Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) hat im Auftrag der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) im Herbst 2007 durchgeführt. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse erschien Hessischen Ärzteblatt, Ausgabe 3 2010 unter dem Titel „Der Konsum von Alkohol, Tabak und illegalen Drogen in der hessischen Bevölkerung – Ergebnisse einer Repräsentativerhebung“.

Schon in der Einleitung stellen die Autoren Kalke et al. klar:
Eine einfache Übertragung vorhandener bundesweiter Daten auf Hessen ist nicht zulässig, da aus anderen epidemiologischen Untersuchungen bekannt ist, dass in Deutschland regionale Besonderheiten im Konsumverhalten der Bevölkerung bestehen (z.B. Kraus et al., 2001).

Es wurde im Rahmen der Studie sogar ein regionaler Vergleich innerhalb von Hessen durchgeführt. Die Daten wurden für die fünf Regionen Frankfurt, kreisfreie Städte sowie Nord­-, Mittel­-, und Südhessen­ seperat erfasst und ausgewertet. Hierbei konnte beispielsweise ein klarer Stadt-Land-Unterschied beim Rauchen und Cannabiskonsum festgestellt werden.

Die Autoren sehen es trotz methodischer Unterschiede und unterschiedlicher Erhebungszeitpunkte als sinnvoll an die hessischen Ergebnisse mit bundesweiten Untersuchungen zu vergleiche. Hierbei traten an einigen Stellen klare Unterschiede hervor. So lag die Zahl der Raucher in Hessen bei 35,2% während der bundesweite Durchschnitt bei 31,8% lag. Am Ende betonen die Autoren nochmals den Wert von diese detaillierten Daten für eine bedarfgerechte Suchthilfe in Hessen und seinen Regionen.

ESPAD

Die europäische Schülerbefragung zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD) liefert für die beteiligten Bundesländer Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen aussagekräftige Daten für jedes Land. Sie wird in über 30 europäischen Ländern seit 1995 im Abstand von fünf Jahren durchgeführt. Die Auswertung „Die Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD): Befragung von Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klasse in Thüringen“, ebenfalls von Kraus et al. wartet ebenfalls mit Aussagen auf wie:

und diskutiert zusätzlich das Konsumverhalten der Schülerinnen in Abhängigkeit der Form der von ihnen besuchten Schule. Wie unterschiedliche die Bundesländer seinen können zeigt auch die Abbildung 5-12 „30-Tage-Prävalenz illegale Drogen gesamt, Cannabis und illegale Drogen ohne Cannabis“. Exemplarisch seien hier nur die Zahlen für Bayern, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern erwähnt: Bayern: 14,3% (illegale Drogen gesamt), 13,2% (Cannabis) und 3,1% (illegale Drogen ohne Cannabis), Berlin: 18,2%, 17,5% und 2,9% und Mecklenburg-Vorpommern: 14,3%, 12,3% und 5,7%. Man erkennt deutlich dass der Cannabiskonsum zwischen 12,3% und 17,5% schwankt und es gleichzeitig keine klare Korrelation zwischen dem Konsum von Cannabis und dem Konsum illegaler Drogen ohne Cannabis gibt. Der Wert für letzteres schwankt zwischen 2,9% und 5,7%.

Regionale Unterschiede beim Alkoholkonsum

Zuletzt sei noch auf Der Einfluss regionaler Unterschiede im Trinkstil auf riskanten Konsum, exzessives Trinken, Missbrauch und Abhängigkeit, wieder von Kraus et al. hingewiesen.

Diese entstand aus dem Hintergrund:
Hintergrund: Bisherige Studien weisen auf ein „Nord-Süd-Gefälle“ in der Prävalenz riskanten Alkoholkonsums in Deutschland hin. Allerdings sind diese Ergebnisse teilweise mit methodischen Einschränkungen behaftet..
und kommt zum Ergebnis:

Ergebnisse: Es zeigten sich regionale Unterschiede in der Verbreitung des riskanten Alkoholkonsums sowie der Abstinenz, ohne dass ein klares „Nord-Süd-Gefälle“ festgestellt werden konnte. Die Clusteranalyse weist jedoch auf einen Nord-Süd-Unterschied im Trinkstil hinsichtlich Häufigkeit und Menge des Konsums von Bier, Wein und Spirituosen hin.

Fazit

Die Analyse der erwähnten Fachliteratur zeigt dass die Annahme der niedersächsische Landesregierung der Drogenkonsum der Bevölkerung in Niedersachsen sei repräsentativ für den der Bevölkerung in der gesamten BRD vermutlich falsch ist und eigenen bundeslandspezifische Datenerhebungen notwendig sind um eine realistischeres Abbild des tatsächlichen Drogenkonsums zu erhalten.

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