Über das Stereotype des “tabakhandelnden Juden” schrieb ich ja bereits. Heute habe ich noch einen etwas älteren aber noch immer interessanten Artikel zum Thema Drogendealer und die Analogien zur antisemitischen Stereotype gefunden. Der Text trägt den Titel Dealer, anständige Bürger und die Dirty Work und ist von der junge linke gegen Kapital und Nation. Hier der entsprechend Abschnitt:

Über VerschwörungstheoretikerInnen und die Dynamik der Hatz

Zum Abschluß zusammengesetzt ergibt sich ein außergewöhnlich kompaktes Feindbild Dealer, daß in seiner strukturellen Beschaffenheit bemerkenswert viele Analogien zur antisemitischen Stereotype der Moderne aufweist, was Erklärungsmacht für massenbegeisternde Dynamik insofern beinhalten kann, als daß sich der moderne Antisemitismus von seinen historischen Grundlage, den Juden als kultureller Einheit, losgelöst hat.(7)
Der analoge Ausgangspunkt beider Feindbilder liegt darin, die Ursache von Mißständen in etwas Besonderem zu lokalisieren, so z.B. die Weltwirtschaftskrise 1928 ff. nicht im an sich prekären Verwertungsprozeß, sondern in herbeihalluzinierter jüdischer Allmacht, die „Drogentoten“ und Opfer in den Anbauländern nicht in der Prohibition, sondern im niederen Wesen der Händler.

Weiter gleichen sich die Wahnbilder in den Ideen von der Bedrohung durch heimatlose Fremde, deren Profit Wucherei sei. Beide Gruppen gelten hierüberhinaus als Repräsentanten der Zirkulationssphäre, wo kein Wert geschaffen werde, sondern raffend auf Kosten der Anständigen der Luxus bestritten werden soll. Sie säßen in den nüchtern herbeihalluzinierten Machtzentralen der Welt, über den nationalen Regierungen, von wo aus sie das Gemeinwesen durch ihr intelligent-durchtriebenes, verborgenes und steuerfreies Geschäft schädigen. Dies sind identische Segmente, sowohl der dealerfeindlichen, alswie der antisemitischen Planke, des ticketförmigen Denkens.(8)
Auch in der Linken geistern die Verschwörungstheorien, die den gesamten Heroin-Handel und Heroin-Boom der 60er als eine Strategie der Counterinsurgency (Anarchist Academy: „Heroin in die Ghettos“), des CIA, entlarven. Ein Punkt der aber historisch – wenn vorhanden – von abseitiger Bedeutung bleibt.(9) Gleichwohl schnappten dieses Vorurteil auch einige deutsche Autonome begierig auf, schrien und schrieben „Dealer verpißt euch“ an die Wände ihrer Häuser. Sie wollten sicher dokumentiert über Fälle in zehn verschiedenen deutschen Großstädten wissen, bei denen staatlich beauf-tragte Dealer Heroin an scheinbar leicht verführbare Fighter verjubelten. Realiter die vielleicht skurrilste Ausformung des revolutionären Schwertwetzens gegen Unmoral und (Gegen)Wehrkraftzersetzung. Bürgerliche Journalisten halten sich eher an Verschwörungs-theoretisches ihrer Colour: So wissen Sie z.B. beizutragen, daß die neuerliche Beliebtheit von Kokain, auf eine Übereinkunft der nordamerikanischen Mafiabosse mit den südamerikanischen Kokakönigen – in der Not ob der neuen Konkurrenz durch Weckamine und LSD getroffen – zurückzuführen sei. Auch die liberale FR bekennt sich zur bedingungslosen Unterstützung des kathartischen Schlages gegen die „Hydra“ der „Kapos“ (!!?) in Südamerika und die PKK-Heroin-Mafia-KurdInnen vor Ort.
Drogen sind keine Ausgeburt der Hölle, Dealer nicht paramilitärische Agressoren der „freien Welt“. Doch sie sind ein glücklicher Fund für staatliche Politik, so ausgezeichnet gar, daß sie zu den wenigen Feindbildern zählen, die am Ende des Kalten Krieges als Feindbild an Popularität gewannen. Es wird Zeit, die Ideologie abzuschaffen.

Ein Gedanke zu „Dealer und die Analogien zur antisemitischen Stereotype

  1. Pingback: Rassimus in der Drogenpolitik : Alternative Drogenpolitik

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