Im Kontext meiner Arbeiten an den Leitlinien zum Einsatz von Cannabis als Medizin habe ich mir für den Anschnitt „Was wir sicher wissen“ (Arbeitstitel) mir den Beipackzettel und die Fachinformation von Sativex angesehen. Sativex ist eines der wenigen zugelassenen Arzneimittel auf der Basis von Cannabis. Der Beipackzettel und die Fachinformation sind damit behördlich anerkannte Dokumente und können als „gesichertes Wissen“ angesehen werden. Damit sind sie als seriöse Informationsquelle für Ärzte und für meine Leitlinien von Interesse. Bei der Lektüre fand ich einige spannende für mich neue Informationen, die ich an dieser Stelle dokumentieren möchte.

Begriffe

Die sog. „Fachinformtion“, also der „Beipackzettel für Ärzte und Apotheker“ heißt eigentlich „Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels“ und im Englischen Summary of Product Characteristics (SPC oder auch SmPC).

Ein weiterer Begriff aus de Welt der Apotheker, den ich in diesem Jahr neu gelernt habe: „Rationale“ der im Englischen üblich ist.

Der teilweise unkritische Einsatz von Arzneimitteln im ambulanten Bereich hat zur Entwicklung des Begriffs „Rationale Pharmakotherapie“ geführt. Darunter versteht man den gezielten Einsatz von Medikamenten unter Berücksichtigung der Evidenz und der Wirtschaftlichkeit. Durch die rationale Pharmakotherapie soll eine Über-, Unter- oder Fehlversorgung mit Medikamenten vermieden werden. Quelle

Informationen über Sativex und seine Ausgangsprodukte

Die beiden Dokumente für dieses und andere Medikamente findet man auf der Website der eMC. Das electronic Medicines Compendium (eMC) sammelte diese Dokumente für die Arzneimittelbehörden der EU und des UK.

Ebenfalls eine lesenswerte Quelle ist „Sativex: Bericht für die Öffentlichkeit der britischen Zulassungsbehörde MHRA“.

Sativex ist der Markennamen eines Fertigarzneimittels der Firma GW Pharmaceuticals. Das Medikament enthält als Wirkstoff das Cannabisextrakt Nabiximol. Dieses ist auf die Cannabinoide THC und CBD standardisiert. Hergestellt wird es aus dem THC-reichen Extrakt Tetranabinex und dem CBD-reichen Extrakt Nabidiolex. Diese beiden Wirkstoffe waren mir bisher neu. Sie wurden in klinischen Studien beim Einsatzgebiet Schmerzen mit Sativex verglichen. Es zeigte sich dass Tetranabinex und Sativex die beste Wirkung haben. Bei Sativex zeigten sich – vermutlich wegen des enthaltenen CBD – aber weniger Nebenwirkungen.

Daher ist es verständlich warum nur mit Sativex weitergearbeitet wurde.

Inhalt von Sativex

THC und CBD machen mindestens 90% aller im Spray enthaltenen Cannabinoide aus.

1 ml Spray enthält
27 mg THC
25 mg CBD
0,4 g Alkohol (50% V/V)

Enthalten sind zudem Pfefferminzöl und Propylenglycol.

Es gibt Sprühflaschen mit 5,5 ml und mit 10 ml. Dies entspricht 48 bzw. 90 Sprühstöße.

Ein Sprühstoß entspricht 0,1 ml Spray.

Die Haltbarkeit von Sativex beträgt 18 Monate bei 5 +/- 3 Grad und 28 Tage bei unter 25 Grad.

Aus BRM wird BDS wird BDP

Die Bezeichnungen für den Rohstoff laute: Botanical Raw Material (BRM), angebaut nach GAP

Daraus wird die Botanical Drug Substance (BDS) und das fertige Botanical Drug Product (BDP). Die Bezeichnung BDS fand ich auch in anderen Studien zu Cannabis, teilweise durchgeführt mit Material von GWP.

Standardisierung und Inhaltsstoffe

Es finden sich Präsentationen in denen GWP Mitarbeiter den Aufwand für die Standardisierung und die Qualitätskontrolle beschreiben. Bei dieser Präsentation für die EIHA  2014 werden zudem Studienergebnisse und rechtliche Probleme beim Einsatz in den USA besprochen.

Dort findet sich die Zusammensetzung des Sativex-Rohstoff BDS:

Cannabinoids        70 to 75% w/w
Non‐cannabinoids    25 to 30% w/w
400 – 500 compounds present in the BDS

Insgesamt wurden 10 verschiedene Cannabinoide und 14 Nicht-Cannabinoide Inhaltsstoffe gefunden.

Interessante Details finden sich in dieser Patentschrift.

Sativex® is not “medical marijuana”!

In dieser Präsentation keilt GWP gegen „medizinisches Marihuana“, gemeint sind Blüten und sonstige Nicht-Fertigarzneimittel auf der Basis von Cannabis. Die Überschrift ist ein Zitat, auf der nächsten Folien heißt es:

“Medical marijuana” does not comport with the modern medical paradigm

• Composition ( % of THC) of herbal cannabis varies significantly depends on strains, cultivation and storage, etc. “laboratories” often cannot replicate results
• Modern cannabis bred to exhibit (only) high levels of THC no meaningful levels of other cannabinoids such as CBD
• Delivery systems (smoked/vaporized, baked goods, teas) do not provide a standardized dose; no precedent for administering any crude herbal material in a manner that reliably achieves a reproducible dose and produces no carcinogens
• Contamination with microbes, heavy metal, and pesticides a real possibility.

Später wird noch das Verdampfen problematisiert: „Vaporization: safety issues“

Weitere Medikamente von GW Pharma

Sucht man nach Tetranabinex und Nabidiolex findet die Liste der von GW Pharma eingetragenen Trademarks: Cantivex, Capaedex, Epidiolex, Epivarinex, Epivarin, Cannabidex, Tetranabinex und Nabidiolex. Epidiolex ist ein weiteres Medikamente von GWP. Das erste Trademark ist erloschen, die anderen Begriffe sind google noch nicht bekannt. Es liegt bei einem Blick auf die Produktpipeline von GWP nahe dass es sich bei Epivarin(ex) um den Wirkstoff bzw. den geplanten Markennamen eines Medikamentes auf der Basis von CBDV für die Indikationen Epilepsie und Autismus handelt. Intern wird der CBDV GWP4006 genannt.

Hier die vier internen Code von GWP und der gemeinte Wirkstoff bzw. Medikament:

GWP42002: THC
GWP42003: CBD, „Epidiolex“
GWP42004: Tetrahydrocannabivarin (THCV)
GWP42006: Cannabidivarin (CBDV)

Siehe hierzu auch: Beyond THC und CBD – Provisorische Leitlinie zum Einsatz von Cannabis als Medizin

Bis 2008  wurde das Extrakt Cannador® am Institute for Clinical Research in Berlin erforscht. Dieser Verein arbeitet sonst im Bereich Misteltherapie.

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